Archive for November, 2007

Thomas Häntsch vom Humanistischen Pressedienst schreibt folgendes:

…Doch dieser stille Sonntag war nicht leiser als jeder andere im Jahr mit Ausnahme der kurzen vorösterlichen Zeit, denn Kirchenglocken waren in voller Dröhnung weithin zu hören und störten die Mitbürger, die in der Nähe einer der zahlreichen Türme wohnen, wie gewöhnlich.

Kommt da nicht die Frage auf, warum all dieser Spektakel – und für wen eigentlich? Für wen? Das ist schnell geklärt, denn geläutet wird für die gläubigen Christen, die ihren Glauben leben und am Geschehen in den Gemeinden Anteil nehmen. Das sind in der heutigen Zeit unter den Katholiken recht wenige und in den evangelischen Gemeinden nicht viele. Gleichwohl, es wird gebimmelt, dass die Schwarte kracht.
Aber warum also tönen mehrfach am Tage die Glocken?

Zunächst hört man sie etwas zurückhaltend, wenn sie uns die Zeit ankündigen – unbeirrt, als hätte kein Mensch eine Uhr oder könne so einen Zeitmesser nicht lesen. Das lassen sie auch in der Nacht nicht, wenn die meisten Menschen schlafen und auch die zur Ruhe kommen wollen, deren Gehör sehr empfindsam ist, so dass sie jede Stunde mitzählen können, die ihnen der nächststehende Kirchturm verkündet. Dagegen wird inzwischen angekämpft und das teilweise mit Erfolg für die Kläger – gegen das Läuten.

Das Läuten aus religiösen Beweggründen wird zurzeit immer noch vom Recht gedeckt, man beruft sich dabei häufig auf das Brauchtum. Doch die meisten Mitbürger erahnen nicht einmal, warum mehrmals am Tage die Kirchenglocken läuten und noch spärlicher ist das Wissen um die Geschichte des Glockenläutens überhaupt. Früher war das Schlagen von Glocken als heidnischer Brauch verpönt, doch später als christlicher Brauch übernommen. Deshalb wird es Zeit, einige Aspekte des uns umgebenden Geläutes an die große Glocke zu hängen…

Jeder wird schon bemerkt haben, dass immer 12:00 Uhr mittags die katholisch geweihten Glocken läuten. Dieses Läuten wird, fragt man Christen, vielfach damit begründet, dass es den Tag teilt. Doch weit gefehlt! Dieses Läuten ist ein Siegesläuten. Gefeiert wird ein Sieg der Christen über die Moslems. Papst Calixtus III. führte am 14. Juli 1456 diesen Brauch ein – als Dank für den Sieg über die Türken in Ungarn – insofern eine Art postumen Kriegsgeläutes.

Das Läuten morgens 6:00 Uhr geht auf die alten Gebetszeiten zurück und ist nicht mehr als ein Überbleibsel, an dem die Kirchen aber vehement festhalten. Heute ist es außer in geschlossenen Klosteranlagen praktisch bedeutungslos, da kaum ein Mensch täglich um diese Zeit zum Gebet in eine Kirche geht…

Es ist Tatsache, dass der Klang von Kirchenglocken in seiner Gesamtheit seiner Anlässe die Gesellschaft kaum noch interessiert, höchstens dann und wann auf die Nerven geht. Denn es ist eine Wissenschaft für sich und wird in unseren Tagen von automatischen Läutwerken bewerkstelligt, gesteuert von Elektronik. Technik im Dienste des Herrn oder Kirche – wie auch immer.

Und folgendes, nur zu wahre, Zitat von Elmar Kupke:

In Würzburg läuten die Glocken deshalb so eindringlich, weil es die Erlösung ist, wenn sie wieder aufhören.

Ganzer Artikel auf: hpd-online.de – wenn glocken die stille zerreissen

Ja, dem gibts nicht mehr viel hinzuzufügen. Ausser vielleicht dass nur eine Tradition wirklich alt ist. Die älteste aller Traditionen: Die Tradition der Nachtruhe.

Seit Anbeginn aller Zeiten herrschte Ruhe in der Nacht – dann kommt der Mensch und zerstückelt die Nacht per Viertelstundenschlag in unzählige kleine Teilchen.

Wozu bloss?

Da lob ich mir den Muezzin, denn er ertönt nur 5 Mal am Tag

Besten Dank allen Kirchen für ihre permanente Verbreitung von Heimatgefühl und der Aufrechterhaltung von Traditionen. Es ist wunderbar für all’ Jene, die Anteil am Glockenläuten und Zeitschlag nehmen wollen.

Wir für unseren Teil "bedanken" uns für den Lärm, der in der Schweiz flächendeckend und täglich über 24 Stunden von den Kirchen verbreitet wird. Es gibt fast nichts Schöneres, als beim Ausspannen zu Hause, beim gemütlichen Zusammensein mit Freunden, beim Ein- oder Ausschlafen (von Durchschlafen gar nicht zu reden) und was auch immer, ihrem überlauten, durch verschiedene Kirchen gleichzeitig verursachten disharmonischen und unsynchronisierten Klang zu lauschen.
Viele Anwohner sind diesem Kirchen-Potenzgehabe auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, obwohl sie keiner dieser Religionen angehören. Die kirchlichen Machtpositionen werden uns schamlos und viertelstündlich – ohne Rücksicht auf Ruhe suchende – demonstriert und sanktionsfrei zugemutet.

Zudem können die Kirchen ihre durch den permanenten Glockenschlag lädierten Kirchtürme, Glocken und Klöppel so lange sanieren, wie der Bund für die Landeskirchen die Steuern eintreibt und ihnen dadurch ein bequemes und sehr hohes Einkommen vermittelt. Rechtlich ist die Trennung von Kirche und Staat ja schon lange vollzogen: Das staatliche Recht steht über dem kirchlichen!
Wir warten nur noch auf die Analogie im finanziellen Bereich. Wie sähe es nämlich aus, wenn diese Schatulle geschlossen würde und die Kirchen mit den sinkenden Mitgliederzahlen ihren Finanzen selber nachhetzen müssten? Würden dann die nicht zu negierenden sozialen Engagements als Erstes gestrichen?

Jedes knatternde Mofa läuft Gefahr, von den „Landjägern“ aus dem Verkehr gezogen zu werden. Warum den Glocken ein anderes Gehör gewährt wird, ist für viele in unserem Land unverständlich. Tausende Ohren, die keinen Schlaf finden, belasten das Gesundheitswesen mit Kosten für Medikamente gegen Schlafstörungen und Depressionen, mit Tinnitus-Erkrankungen und deren langwierigen Behandlungen, – die Kirchen aber waschen weiterhin die Hände in Unschuld … und predigen unbeirrt die christliche Nächstenliebe!

In letzter Zeit erschienen in verschiedenen Zeitschriften (SJ, Beobachter, K-Tipp) und diversen Tageszeitungen Artikel, die die Problematik "Lärm" unter die Lupe nahmen. Die meisten Verfasser verzichteten darauf, den Glockenlärm zu thematisieren. Die Gründe für dieses Verhalten sind nicht einsehbar und können höchstens damit erklärt werden, dass sich die Schreiber den eigenen Eingang in die ewigen Jagdgründe nicht schon zu Lebzeiten zumauern wollen. Oder sind es die verantwortlichen Redaktoren, die (im Einvernehmen mit den Kirchen) in diesem Sinne handeln und entsprechende Passagen zensurieren?

So oder so, Glocken erzeugen massiven, messbaren Lärm – und das fast ausschliesslich in Wohngebieten – und müssten von allen weltlichen Instanzen als solcher behandelt bzw. beurteilt werden. Dazu sind in der Schweiz die Ämter für Umwelt- und Lärmschutz mit ihren Lärmschutzverordnungen da. Wir erwarten entsprechende Sofortmassnahmen!

Alfons Gabriel

Bischof Kurt Kochs Stellungnahme zum Sabo-Urteil des Baselbieter Kantonsgerichts hat hohe Wellen geworfen.

Die Gerichtskritik von Bischof Koch ermutigt die Befürworter einer Trennung von Kirche und Staat.

Die Freidenkervereinigung der Schweiz zeigte sich in einer Pressemitteilung glücklich, in Bischof Koch offenbar einen neuen Mitkämpfer für die «völlige Trennung von Kirche und Staat» gefunden zu haben.

Die Freidenker fordern die katholische Kirche auf, ihren Status samt Privilegien aufzugeben.
Eine nicht demokratische Institution wie die katholische Kirche soll sich von den demokratisch legitimierten Institutionen eines Rechtsstaats nichts vorschreiben lassen.

Der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti lanciert in den kommenden Monaten eine kantonale Initiative zur Trennung von Kirche und Staat. Im Kanton Zürich hat allerdings der Souverän 1977 wie 1995 eine Initiative zur Trennung von Kirche und Staat abgelehnt;  dasselbe auf Bundesebene 1980.

Der Tagesanzeiger im Gespräch mit Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz:

Koch sagt, die Kirche dürfe sich der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht beugen.
Wo weltliche Gerichte zuständig sind, muss sich die Kirche fügen. Aber es gibt eben Bereiche, wo sie nicht zuständig sind. Der Streit, der durch Bischof Kochs Kritik entbrannt ist, lautet: Wie weit geht die kirchliche Alleinzuständigkeit? Bischof Koch dehnt diesen Bereich sehr weit aus.

Er stellt wegen des Streitfalls das ganze Verhältnis Kirche und Staat in Frage.

Bischof Koch sagt, dass das staatskirchenrechtliche System im Konfliktfall versagt, aber nicht, dass es grundsätzlich falsch sei. Er muss ja bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen, um einen vergleichbaren Konflikt zu finden. Der Staat übt zwar die Oberaufsicht viel zurückhaltender aus als damals. Aber es gibt einen Regelungsbedarf für Konfliktfälle. Das hat der Fall Sabo gezeigt.

Auf bürgerlicher Seite gibt es neue Bestrebungen für eine Trennung von Kirche und Staat. Was wären die Konsequenzen?
Im Fokus ist das System der Kirchensteuer und das gesellschaftliche Engagement der Kirchen, die auch unbequeme Positionen einnehmen. Für diese politischen Kreise geht es darum, eine für sie lästige Institution zu schwächen. Finanziell wären die Konsequenzen enorm.

Die strikte Trennung von Staat und Kirche müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Religion ist  Privatsache jedes einzelnen Menschen. Die Ausübung dieser Religion darf öffentliche Räume nur insoweit berühren, wie sie nicht unangemessen die Interessen, Bedürfnisse und Grenzen der Mitmenschen berührt.

Und dazu gehört, dass das Geläut von Kirchenglocken, in Dauer und Lautstärke der tatsächlichen Bedeutung der christlichen Kirchen für die Menschen angemessen bleibt.

Anbei ein Gedicht von Peter Dörig aus Schaffhausen

Kulturkampf

Was fängt doch nun ein Kirchenmann
mit einem Urteil alles an?,
er verunglimpft jetzt den Richter,
mit dem Rechte kurzum bricht er.

Er fordert nun den Staat heraus,
dabei ist manche Kirchenmaus
abhängig von der Staatsschatulle
und nicht von eines Bischofs Schrulle.

Darum meint der Peter Dörig,
trennt die Kirche ganz gehörig
doch vom Staat und lasst sie beten
und nicht auf die Seelen treten.