Archive for Januar, 2008

Pressemitteilung IG Stiller

Bergamo: Bischöfliches Dekret gegen nächtlichen Glockenlärm

Wie erst kürzlich bekannt wurde, hat ein italienischer Bischof dem übermässigen Glockengeläut den Kampf angesagt. Robert Amadei, der die norditalienische Diözese Bergamo leitet, wies alle Pfarrer an, zwischen 21 und 7 Uhr die Glocken schweigen zu lassen. (ref.ch 28.11.01).

Damit geht dieser Bischoff sogar noch weiter als die Forderung der IG Stiller (22-7 Uhr). Eine aktuelle Stellungnahme eines schweizerischen Bischofs präsentieren wir weiter unten.

Jahresrückblick 2007

Abgestellt

2007 wurde der Stundenschlag von 22-7 Uhr im Isaak Iselin Schulhaus in Basel abgestellt. In Dürrenroth wurde entschieden, den nächtlichen Glockenschlag ab Februar 2008 abzustellen – voraussichtlich zwischen 22-7 Uhr.

Schon 2005 und 2006 wurde an je zwei Türmen der nächtliche Zeitschlag eingestellt:

· 2005 in Cully und in Degersheim (ref. Kirche) zwischen 22-6 Uhr.

· 2006 in Basel (St. Albantor) bis um 7 Uhr und in Hemberg bis um 8 Uhr (!).

Die Tendenz der Vorjahre wurde somit bestätigt.

Nachts (20-7 Uhr) muss auch ein Landwirt in Steinen auf die Beschallung des öffentlichen Raumes verzichten. Dies „verordnete“ das Schwyzer Kantonsgericht 2007. Begründet wird das Verbot des nächtlichen Kuhglockenlärms mit Gründen des Lärmschutzes. Auch den Tieren zu liebe könnte auf diesen korrumpierten Brauch verzichtet werden.

Mit diesem „Urteil“ wurde ein Bundesgerichtsurteil aus den 1975 zum Fall Speicher AR bestätigt. Schon damals wurde festgestellt, dass im Siedlungsbereich keine Tierglocken nötig sind.

Vermindert

2006 wurden zwei Morgenläuten auf 7 Uhr verschoben, nämlich in Herblingen und in Wiesendangen. 2007 war diesbezüglich erfolgreicher:

1. In Bülach wurde auf das Morgenläuten um 6 Uhr verzichtet. Die Neuerung gilt für die reformierte und die katholische Kirche. Verzichtet wird auch auf das sonntägliche Gesamtgeläut der reformierten Kirche um 7 Uhr und die nächtlichen Viertelstundenschläge.

2. Die Kath. Kirchgemeinde Jonen verschob das werktägliche "Morgenläuten" von 06.00 Uhr auf 07.00 Uhr. An den Sonn- und Feiertagen entfallen das "Morgenläuten" um 06.00 Uhr ersatzlos. Beim Stundenschlag wird auf den Repetitionsschlag (=Doppelschlag) verzichtet.

3. Das Morgenläuten der evang.-ref Kirche von Lufingen wurde von 6 Uhr auf 7 Uhr verschoben.

4. Wenigstens am Samstag und am Sonntag wird in Balgach auf das Morgenläuten verzichtet. Der nächtliche Zeitschlag und die restlichen Morgenläuten werden ab 1.05.07 nur noch von einem Kirchturm ertönen

Laufende Verfahren

1. Einen bedeutenden Erfolg konnte die auf Kirchenglockenlärm spezialisierte Anwältin Korinna Fröhlich in Günsberg verbuchen. Die Röm.-kath. Kirchgemeinde Günsberg-Niederwil-Balm wurde von der Bau- und Werkkommission Günsberg mit Schreiben vom 26.4.07 aufgefordert, das Frühgeläut von 5.30 Uhr auf 7.00 Uhr zu verschieben. In den Nachbargemeinden sei das Frühgeläut ab 7 Uhr üblich. Zudem sei das Frühgeläut um 5.30 Uhr als erhebliche Störung der Nachtruhe zu beurteilen. Wie die IG Stiller in Erfahrung gebracht hat, will sich die Kirchgemeinde nicht an die Weisung der Gemeinde halten und hat gegen den Entscheid Rekurs erhoben.

2. In Wiesendangen soll in den Fenstern des Kirchturms auf allen vier Turmseiten ein Verbundsicherheitsglas mit einer Stärke von zwölf Millimetern, auf einen Metallrahmen gesetzt, angebracht werden. Eine Folie wird das Glas vor dem Splitterbruch schützen. Damit erhofft sich die Kirchgemeinde die gesetzlichen Lärmschutzwerte einzuhalten. Die Lärmmessungen werden es zeigen. Den Zeitschlag während der Nacht auszuschalten wäre nach wie vor die rücksichtsvollste, schnellste, einfachste und sicher auch die billigste Lösung gewesen.

3. Ähnlich wie in Wiesendangen soll auch in Trogen der Lärm gedämpft werden. In diesem Fall soll eine Täferung mit Lärchenholz den übermässigen Lärm dämmen. In der Nähe der Kirche wird mit einer Reduktion von 10-15 dB gerechnet. Die Massnahme kostet Fr. 23’000 und findet nicht den Beifall der IG Stiller (siehe Kommentar zum Fall Wiesendangen). Eine Verminderung des Lärms um über 50 % ist aber doch auch mehr als nur ein Achtungserfolg – dies umso mehr, als der Lärm nicht nur nachts sondern auch tagsüber Nacht reduziert werden soll

4. Über den „ewigen“ Fall Gossau werden wir an anderer Stelle wieder detailliert berichten.


Weitere Meldungen aus dem Jahr 2007

Bischof von Chur: Die Glocken läuten den halben Tag

Wie Kirchenglocken.ch berichtete, stellte der Churer Bischof Amédée Grab in der Samstags­Rundschau vom 10.2.07 auf Radio DRS fest: "In der Stadt Chur zum Beispiel läuten die Glocken den halben Tag, ständig … ich habe das nirgends so gehört wie in Chur. Es hört nicht auf… Es läutet zum Beispiel am Morgen um 6 Uhr zu einer Zeit wo die meisten Leute schlafen wollen… Das Gleiche um 11 Uhr… Das Gleiche am Abend, es wird einfach geläutet."

Kommentar: In Chur wird nicht mehr geläutet wie anderswo in der Ostschweiz. Wir leben hier einfach in der Glockenhochburg Europas.

Feuerthalen: Neuer Kirchturm liefert Solarstrom. Auf Morgenläuten und Stundenschlag wird bewusst verzichtet, da dies immer wieder zu Auseinandersetzungen führt. Die Glocken sollen die Menschen an den Glauben erinnern und zur Menschlichkeit mahnen und nicht Streit stiften, sagte der Vikar von Feuerthalen.

St.Gallen: Während der Openair-Aufführung der Cavalleria rusticana auf dem Klosterplatz in St. Gallen, wurde der Zeitschlag der Klostertürme abgestellt. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass dieser Zeitschlag nicht nötig ist und dass er stört. Ein Anwohner bat, auch ausserhalb der Festspiele auf dem Klosterplatz, die Glocken nachts ruhen zu lassen. Das Gesuch wurde abgelehnt. Die Klostertürme in St. Gallen schlagen die Zeit nicht nur viermal pro Stunde, sondern achtmal.

Rüschlikon: über 30 Personen haben Anfang Jahr verlangt, dass auf den nächtlichen Zeitschlag verzichtet wird. Zum Thema Glockenlärm in Rüschlikon sind auch verschiedene Leserbriefe publiziert worden.

Zürich: Mehrere Anwohner hatten die Kirche Oberstrass aufgefordert, den Zeitschlag in der Nacht einzustellen. Die Kirche hat keine positive Rückmeldung geben, aber erfreulicherweise hatte sich die Lärmpolizei eingeschaltet. Sie hat Messungen gemacht und den Anwohnern mitgeteilt, dass der Lärmpegel zu hoch sei und dass sie sich diesbezüglich mit der Kirche in Kontakt setzen würden, wenn nötig mit rechtlichen Schritten. Die Anwohner waren alle sehr erfreut, bis die Meldung kam, dass der Verantwortliche zurzeit nicht mehr dort arbeite und der Fall nicht weiter verfolgt werden würde…

Muezzin auf dem Kirchturm: Mitte Juli 2007 musste eines Abends um 21.30 Uhr eine Streife der Stapo ausrücken. Grund dafür waren die Muezzin-Rufe von der St.Laurenzenkirche. Hinter der Aktion steckt der Zürcher Künstler Johannes Gees. Er liess die Muezzin-Rufe auch von Kirchtürmen in Bern, Zürich und Einsiedeln erschallen. Die IG Stiller begrüsst diese Aktion, stellt aber klar, dass Anwohner von Kirchen und Moscheen nachts weder durch den Muezzin noch durch Kirchenglocken beim Schlafen gestört sein möchten.

Aarau: Gott straft sofort: Wie die Aargauer Zeitung am 5.1.07 berichtete, ist die Klinik Hirslanden in Aarau mit der Bitte an die reformierte Kirchenpflege Aarau getreten, den Stundenschlag der Stadtkirche zwischen 22 und 7 Uhr abzustellen. Dies weil Patienten vor allem beim Einschlafen durch den Zeitschlag gestört werden.
Am 30.1.07 berichtete dann die Aargauer Zeitung, dass fast zur gleichen Zeit, als die Kirchenpflege entschied, den Zeitschlag in der Nacht nicht abzustellen, das Uhrwerk wegen einem Motordefekt ausgestiegen ist. Tagelang standen die Zeiger still und still blieb auch der umstrittene Zeitschlag. Azonlinde berichtete am 27.1.07 ein kleines Detail am Rande:
Der Stundenschlag der katholischen Kirche Peter und Paul in Aarau schweigt zwischen 22 und 7 Uhr – aus Rücksicht auf die nahen Militärunterkünfte in der Kaserne!

Brief an die IG Stiller

Sehr geehrte Damen und Herren

Als ehemaliger Präsident der reformierten Kirchenpflege Suhr-Hunzenschwil bin ich mit dem Problem des nächtlichen Viertelstunden- und Stundenschlags hautnah konfrontiert worden.

Obwohl sich über 90 Prozent der Dorfbewohner von Hunzenschwil nach einer für alle Personen offenen, schriftlichen Umfrage für die Beibehaltung der traditionellen nächtlichen Zeitzeichen stark gemacht hatten, entschied sich die Kirchenpflege aus Rücksichtsnahme für die dem offenen Kirchturm sehr nahe wohnenden Einwohnerinnen und Einwohner – ohne Rücksicht auf ihre Konfession – von 22.00 bis 06.00 – die Zeitzeichen einzustellen.
Ohne Probleme, ohne Kirchenaustritte…

Auch an meinem gegenwärtigen Wohnort in Lenzburg pflegt man sowohl reformierter- wie auch katholischer Seits den Verzicht beider Kirchen auf die Zeichen von 22.00 bis 06.00. Eine gute Lösung, die von allen akzeptiert wird, dem Frieden zu liebe. Dafür sind die tags stattfindenden Läuteordnungen allerseits kein Problem und werden als unbestritten erachtet.

Mit freundlichen Grüssen, Herbert Furter